USA vs. Deutschland: Der ÖPNV
beider Länder im Vergleich

von Finn Fiedler

Ob Technologie, Kultur oder Raumfahrt, oft fungieren die USA als Vorreiter für (westliche) Entwicklungen. Doch wie sieht es mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) aus? Der ÖPNV ist ein essenzieller Bestandteil moderner Gesellschaften und ein Gradmesser für deren Bestrebungen, Mobilität sozial gerecht und nachhaltig zu gestalten. In dieser Artikelserie widmen wir uns einer detaillierten Betrachtung des US-amerikanischen ÖPNV und stellen diesen in einen fortlaufenden Vergleich mit dem deutschen Pendant. Der erste Teil beleuchtet die historische Entwicklung des ÖPNV in den USA, fragt nach den Charakteristika der Zielgruppen und analysiert die Bedeutung des ÖPNV in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden die Auswirkungen der weltweiten Pandemie auf das System näher beleuchtet.

Vom Wandel geprägt: Die Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs in den USA

Waren die USA vor weniger als 100 Jahren noch für ihre fortschrittlichsten Systeme des öffentlichen Verkehrs bekannt, so sieht die Realität heute ganz anders aus. Die USA sind vom größten und am weitesten verbreiteten Straßenbahnsystem und Mobilitätsvorreiter zum Sorgenkind geworden. Von Finanzierungsproblemen über mangelnde Angebotsqualität bis hin zu Personalmangel kämpft der amerikanische ÖPNV mit großen strukturellen Problemen. Probleme, die wir aus Deutschland kennen. Daher stellt sich die Frage: Wie ist der deutsche ÖPNV im Vergleich zu den USA aufgestellt?

Fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung

Ein wichtiger Erfolgsfaktor des ÖPNV ist die Akzeptanz. Wie nimmt die Gesellschaft den ÖPNV wahr? Und hier kommen wir zu einem ersten Problem in Amerika. Denn dass der ÖPNV in den USA praktisch nicht existiert, gaben in einer Umfrage der Consorsbank 12 Prozent der Befragten an. Das ist einer der schlechtesten Werte aller verglichenen Staaten und spricht nicht für die Existenz eines angemessenen Angebots. Verglichen damit gaben dies in Deutschland nur zwei Prozent an. Dies ist bereits ein erster Indikator für die unterschiedliche Wahrnehmung des ÖPNV in den Ländern.[1]

Strukturelle Unterschiede zwischen den Ländern

Bei der Gegenüberstellung sind die strukturellen Unterschiede zu berücksichtigen, die den ÖPNV in den USA und in Deutschland prägen. Während sich der ÖPNV in den USA im Wesentlichen auf die Ballungsräume beschränkt, fehlt ein flächendeckender ÖPNV. Deutschland hingegen verfügt im Vergleich dazu über ein gut ausgebautes, flächendeckendes ÖPNV-Netz, das in Städten und vielen ländlichen Regionen verfügbar ist. Dieser Unterschied schränkt die Nutzbarkeit des ÖPNV ein und führt dazu, dass viele Amerikaner*innen auf den Individualverkehr angewiesen sind.

Die Kund*innenstruktur im Vergleich

Voraussetzung für die Bereitstellung eines bedarfsgerechten ÖPNV-Angebots ist die Kenntnis der Kund*innenstruktur.

Die typische ÖPNV-Nutzer*in den USA ist eine Frau, die zwischen 25 bis 34 Jahren alt und nicht in den USA geboren ist. Statistisch gesehen ist sie eine Person of Color, mit einem Einkommen von unter 50.000 US-Dollar pro Jahr und lebt in einer Großstadt. Insgesamt machen die Nutzer*innen des öffentlichen Nahverkehrs nur etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus, wohingegen rund 85 Prozent der Bevölkerung das Auto für den Weg zur Arbeit bevorzugen. Allgemein gaben elf Prozent an, den ÖPNV täglich bzw. wöchentlich zu nutzen.[3][4][5]

Betrachtet man Deutschland, so ist der*die typische ÖPNV-Nutzer*in tendenziell jünger, liegt in einem Altersspektrum von 10 bis 29 Jahren und lebt in einer Metropolregion oder Großstadt. Die an allen Verkehrsträgern gemessene, anteilige Nutzung des ÖPNV (Modal Split) ist in Deutschland nur wenig höher als in den USA: Betrachtet man nur die Anzahl der zurückgelegten Wege, so liegt der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs bei lediglich 10 Prozent und ist somit nicht besser als in den USA. Allerdings beträgt der Anteil bei den zurückgelegten Personenkilometern schon 19 Prozent. [6]

Auffällig ist, dass in Deutschland die Hauptgruppe der ÖPNV-Nutzenden auf den Ausbildungsverkehr entfällt, während in den USA die größte Gruppe bereits berufstätig ist. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass die Schüler*innenbeförderung in den USA nicht Aufgabe des ÖPNV, sondern der Schulbehörde ist. Es ist wichtig anzumerken, dass es sich hierbei um Durchschnittswerte für das gesamte Land handelt und individuelle Unterschiede je nach Stadt, Region und spezifischem Kontext auftreten können.

Corona hat den amerikanischen ÖPNV schwer getroffen

Die Pandemie hatte sowohl in den USA als auch in Deutschland erhebliche Auswirkungen auf den ÖPNV. In den USA erlebten die Fahrgastzahlen von März bis Mai 2020 einen dramatischen Einbruch, wobei die Nutzung von Bussen um 70 Prozent und von Zügen um 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückging. Im April 2020 erreichte der Rückgang seinen Höhepunkt, und die Zahlen blieben für den Rest des Jahres 2020 um mehr als 60 Prozent unter denen von 2019. Dies führte zu einem erheblichen Rückgang der Fahrgeldeinnahmen um 40 Prozent, was wiederum zur Folge hatte, dass das ÖPNV-Angebot um 15 Prozent zu reduziert wurde. Trotz eines schrittweisen Wiederaufbaus des Angebots erreichten die Fahrgastzahlen im Mai 2023 immer noch nur etwa 72 Prozent des Niveaus von 2019.[7][8]

Auch in Deutschland hatte die Corona-Pandemie schwerwiegende Auswirkungen auf den ÖPNV. Während des Lockdowns im Jahr 2020 gab es einen massiven Rückgang der Fahrgastzahlen, teilweise um bis zu 80 Prozent. Dennoch blieben die Fahrgeldeinbußen vergleichsweise gering, mit einem Rückgang von nur 25 Prozent zum Vorjahr. Das Angebot im ÖPNV blieb weitgehend unverändert, obwohl die Fahrgastzahlen drastisch sanken. [9][10] Im Jahr 2022 waren die Auswirkungen der Pandemie im deutschen ÖPNV immer noch spürbar, da das Fahrgastaufkommen im Vergleich zu 2020 zwar leicht erholt war, aber immer noch etwa 14 Prozent unter dem Niveau von 2019 lag.[11]

Corona scheint nicht der einzige Grund für die sinkende ÖPNV-Nachfrage in den USA zu sein

Der Nachfragerückgang im amerikanischen ÖPNV scheint jedoch nicht nur durch Corona begründet zu sein.  Daten der American Public Transport Association (APTA) belegen, dass das Fahrgastaufkommen in den USA bereits vor dem Ausbruch der Pandemie stagnierte. Seit 2016 wächst die Zahl der Passagiere nicht mehr parallel zum Bevölkerungswachstum.[12] Dies deutet auf strukturelle Probleme und Herausforderungen hin, die über die unmittelbaren Auswirkungen der Pandemie hinausgehen und langfristige Verbesserungen im ÖPNV erfordern. [13]

Strukturelle Herausforderungen, Pandemie-Auswirkungen und gesellschaftliche Wahrnehmung: Die schwierige Lage des ÖPNVs in den USA

Bedeutungsverlust, strukturelle Herausforderungen, Beschränkung auf Ballungsräume und mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung kennzeichnen die Situation des ÖPNV in den USA. Die Nutzerbasis des ÖPNV zeigt einmal mehr, dass der ÖPNV als ein Produkt für die unteren Bevölkerungsschichten angesehen wird. Im Gegensatz dazu verfügt Deutschland über eine breitere Nutzer*innenbasis, auch wenn ein großer Anteil auf den Ausbildungsverkehr entfällt. Dies ist größtenteils auf die größere Bandbreite der Hauptnutzer zurückzuführen.

Die COVID-19-Pandemie hatte sowohl in den USA als auch in Deutschland erhebliche Auswirkungen auf den ÖPNV, wobei der dramatischere Rückgang der Fahrgastzahlen in den USA sehr viel größere Auswirkungen auf das Angebot hatte. Insgesamt zeigt sich, dass der ÖPNV in Deutschland im Vergleich zu den USA besser etabliert ist, eine breitere Nutzerbasis hat und die Auswirkungen der Pandemie besser abfedern konnte. Dies verdeutlicht die unterschiedliche Stellung der beiden Systeme in den Ländern.

 


[1] Consorsbank (2019): Bewertung des ÖPNVs Netzes in verschiedenen Ländern. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1171687/umfrage/bewertung-des-oepnv-netzes-in-ausgewaehlten-laendern/ (Abrufdatum: 30.06.2023)

[2] APTA: Public Transportation Facts:  https://www.apta.com/news-publications/public-transportation-facts/ (Abrufdatum: 05.07.2023)

[3] U.S. Census Bureau (2021): Commuting by Public Transportation in the United States. URL: https://www.census.gov/library/publications/2021/acs/acs-48.html (Abrufdatum: 05.07.2023)

[4] Monica Anderson (2016): Who relies on public transit in the U.S. URL: https://www.pewresearch.org/short-reads/2016/04/07/who-relies-on-public-transit-in-the-u-s/ (Abrufdatum: 05.07.2023)

[5]Age structure of public transit travelers in the United States from 2008 to 2015, by transit mode https://www.statista.com/statistics/715162/public-transit-use-age-group-transit-mode-united-states/ (Abrufdatum: 05.07.2023)

[6] Mobilität in Deutschland 2017 (2019), URL: https://www.mobilitaet-in-deutschland.de/archive/publikationen2017.html (Abrufdatum: 05.07.2023)

[7] APTA (2021), The Impact of the COVID-19 Pandemic on Public Transit Funding Needs in the U.S., (Abrufdatum: 20.07.2023)

[8] APTA (2022) 2022 PUBLIC TRANSPORTATION FACT BOOK, URL: https://www.apta.com/research-technical-resources/transit-statistics/public-transportation-fact-book/ (Abrufdatum: 20.07.2023)

[9] Die ÖPNV-Bilanz des Corona-Jahres 2020 VDV, (Feb 2021). URL: https://www.vdv.de/presse.aspx?id=458fc281-0ec8-4de5-a676-ecdad74ee0ad&mode=detail (Abrufdatum: 20.07.2023)

[10] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1243175/umfrage/einnahmen-im-oepnv-in-deutschland/

[11] Pressemitteilung Nr. 140 vom 6. April 2023 statistisches Bundesamt, URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/04/PD23_140_461.html (Abrufdatum: 20.07.2023)

[12] APTA (2022) 2022 PUBLIC TRANSPORTATION FACT BOOK, URL: https://www.apta.com/research-technical-resources/transit-statistics/public-transportation-fact-book/ (Abrufdatum: 20.07.2023)

[13] Länderdaten: Bevölkerungswachstum in den USA. URL: https://www.laenderdaten.info/Amerika/USA/bevoelkerungswachstum.php(Abrufdatum: 10.08.2023)

03. Januar 2024