Homezone im ÖPNV – die digitale
Lösung für individuelle und flexible Zeitkarten

von Bianka Bönig

Die Digitalisierung boomt: Nach Online-Shopping, virtuellen Konzerten und Kongressen rückt nun auch der ÖPNV immer mehr in den Fokus. Die ersten Schritte haben viele Verkehrsunternehmen und -verbünde bereits unternommen, indem sie Fahrplanauskünfte und Ticketkauf per App anbieten.

Doch bisher werden von Verkehrsunternehmen auf dem digitalen Weg meistens nur bekannte, analoge Tarifprodukte vertrieben. Einige ÖPNV-Akteure in Deutschland haben aber auch schon sehr erfolgreich digitale Tarife, auch eTarife genannt, umgesetzt.

Darunter versteht sich eine elektronische Erfassung und automatische Bepreisung der Fahrten. Eine ausführliche Erläuterung hierzu finden Sie in unserem Artikel „Warum innovative eTarife boomen“. Meist in Form von Entfernungstarifen auf Basis der Luftlinie richtet sich dieses Angebot aktuell vor allem an Kund*innen, die den ÖPNV nur gelegentlich nutzen.

Doch warum sollte die Digitalisierung bei gelegentlichen Fahrgästen stoppen? Welche Angebote können für Personen, die häufig fahren, geschaffen werden? Und mit welchen Tarifkonzepten können Kund*innen erreicht werden, die zwar häufig fahren, aber trotzdem kein Abo abschließen möchten?

Um diese Fragen zu beantworten, werfen wir einen Blick auf Ansätze anderer Branchen und nutzen unsere Erfahrungen aus innovativen eTarif- und Homezone-Projekten für Verkehrsverbünde.

Das Mobilitätsbedürfnis verändert sich und die Tarife mit

Wer täglich zur Arbeit und anschließend zum Sport mit der direkt verkehrenden Straßenbahn fährt, für den ist ein konventionelles Abo eine gute und günstige Lösung.

Was aber, wenn der Sport nur einmal wöchentlich ist und nicht in der der Nähe der Arbeitsstelle liegt? Womöglich sogar noch eine Tarifzone weiter. Lohnt es sich, dann ein Abo für die zusätzliche Zone abzuschließen? Und was passiert, wenn die Arbeitsstelle nicht mehr täglich, sondern nur noch an drei Tagen die Woche besucht wird? Lohnt sich das Abo dann noch?

In diesen Fällen entscheiden sich viele Kund*innen gegen ein Abo oder eine konventionelle Zeitkarte. Zu hoch erscheint ihnen die Gefahr, dass sich die Fahrkarte nicht rentieren wird.

An dieser Stelle setzt die Homezone an und bietet Fahrgästen die Möglichkeit, eine Form der Zeitkarte zu gestalten, die sich ihren individuellen Bedürfnissen anpasst. Die Homezone kann somit eine derzeit vielerorts existierende Lücke für sogenannte Flexfahrer*innen im Tarifsortiment schließen.

Die Homezone – Ein Blick in den Rückspiegel

Das Prinzip einer »Homezone« ist im ÖPNV noch ungewohnt, jedoch per se nicht neu. Der Begriff stammt aus den späten 90er Jahren, als erste Mobilfunkanbieter ihren Kund*innen die Möglichkeit boten, auf Basis einer selbstgewählten Adresse einen »Heimbereich« festzulegen. Diese Adresse muss hierbei nicht zwingend den Wohnort darstellen, es können auch der Arbeitsort oder eine andere beliebige Adresse gewählt werden.

Auf Basis des Ortes ist das Prinzip ganz einfach: Befindet man sich im Umkreis dieses Ortes, so kann dort zum günstigen Festnetztarif telefoniert werden. Beim Verlassen der Zone gilt anschließend automatisch der klassische Mobilfunktarif. Der Telefontarif wird somit direkt vom Standort der Kund*innen bestimmt. Dieses standortbasierte Prinzip kann ebenso in die Tarifwelt des ÖPNV übertragen werden.

Verwendung findet dieser Ansatz schon heute bei Verkehrsverbünden und -unternehmen, die einen eTarif eingeführt haben. Mit dem eTarif wird die standortbasierte Tariflogik bereits gekonnt angewendet. Fahrgäste checken sich, basierend auf ihrem Standort, ein und der Start der Fahrt wird automatisch der entsprechenden Haltestelle zugeordnet. Zum Ende der Fahrt wird der Fahrgast erneut geortet und kann sich an der Zielhaltestelle auschecken.

Hiermit wird neben dem vorherigen notwendigen Fahrkartenkauf auch die Entscheidung über die richtige Tarifzone überflüssig. Insbesondere letzteres stellt viele Fahrgäste häufig vor große Probleme; basieren doch klassische Tarifprodukte meist auf offiziellen Verwaltungsgrenzen oder komplizierten Tarifsystemen, die den Kund*innen nicht haltestellenscharf bekannt sind. Oft ist auch die Tarifbildungslogik auf Basis von Zonen, Waben oder Teilstrecken nur schwer zu verstehen.

Insbesondere beim Kauf einer hochpreisigen Zeitkarte spielt die fundierte Entscheidung über die räumliche Gültigkeit eine entscheidende Rolle, nicht zuletzt für die Gesamtzufriedenheit des Fahrgastes.

Standortbasiertes Pricing in der digitalen ÖPNV Tarifwelt dank Homezone und eTarif

An dieser Stelle setzt im ÖPNV das Konzept der Homezone an. Im Rahmen eines solchen digitalen Tarifs kann der genaue Standort des Fahrgastes für eine individuelle und optimale Bepreisung genutzt werden, um ihm zum einen eine möglichst unkomplizierte Entscheidung zu bieten und zum anderen auch kostenintensive Vertriebsinfrastruktur über die Zeit obsolet zu machen.

Die Ortung erfolgt über das Smartphone. Sobald das Gebiet, beispielsweise eine Kreisfläche, in der App festgelegt wurde, greift bei jeder Fahrt innerhalb dieser Fläche eine Flatrate (Abbildung). Der Preis wird dabei, z. B. abhängig vom Radius der Homezone oder auch variabel auf Basis anderer Parameter, wie der Bedienhäufigkeit der gewählten Haltestellen, durch Algorithmen berechnet.

Prinzipskizze der Homezone

Alle Fahrten über die Homezone hinaus können automatisch (exakt ab der Homezone-Grenze) über den eTarif abgerechnet werden.

Innovation im ÖPNV: Abkehr von klassischen Tarifzonengrenzen

Das Innovative an der Homezone ist die Möglichkeit, den räumlichen Geltungsbereich flexibel und individuell wählen zu können. Anstatt von Tarifzonen, Waben oder Ringen erhalten Fahrgäste die Möglichkeit, per digitaler Anwendung kartengestützt einen Bereich zu wählen, der ihren individuellen Mobilitätsbedürfnissen entspricht. Neben den bereits erwähnten vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten lässt sich auch die Auswahl des Geltungsbereiches mit verschiedenen Hilfspunkten einfach gestalten:

  • Eingabe (zweier) Adressen innerhalb des Geltungsbereichs
  • Auswahl wichtiger Haltestellen im Geltungsbereich
  • Freie Markierung von Punkten, die im Geltungsbereich liegen sollen

Der so vorausgewählte Geltungsbereich kann anschließend flexibel verschoben, vergrößert oder verkleinert werden. Der Preis wird im Hintergrund automatisch berechnet.

Besonders attraktiv wird die Homezone für Fahrgäste dort, wo aktuell Tarifzonengrenzen die Hauptfahrstrecke durchschneiden. Wer am Rande seiner Tarifzone wohnt und zum Arbeiten über die „Grenze“ muss, ärgert sich schnell über den verhältnismäßig hohen Preis für die (gefühlt) kurze Strecke.

Potenzielle Kund*innen, für die sich der Erwerb einer Zeitkarte aktuell nicht rentiert oder zu rentieren scheint, erhalten durch die Homezone eine preis-leistungsgerechte Alternative.

Der ÖPNV braucht neue Angebote im Kontext von Homeoffice und Co.

Durch die Etablierung von Homeoffice stellt sich für viele Kund*innen in Bezug auf Zeitkarten die Frage nach der zeitlichen Flexibilisierung. Auch nach den pandemiebedingten Einschränkungen des täglichen Lebens ist für Viele bereits klar, dass sich die Arbeitswelt verändern wird und eine tägliche Präsenz im Büro nur noch für wenige die Realität sein wird.

Wer also nicht mehr fünfmal pro Woche zur Arbeit fährt, wird früher oder später nach einer individuelleren und passgerechteren Lösung für seine persönlichen Mobilitätsbedürfnisse suchen. Hier liefert die Homezone ebenfalls passende Lösungsansätze. Neben der räumlichen kann auch eine zeitliche Flexibilisierung der Geltungsdauer erfolgen.

Denkbar sind verschiedene Ansätze, wie zum Beispiel im Voraus festgelegte Geltungstage oder eine Angabe von Tagen pro Woche/ Monat an denen die Homezone gelten soll. Überschreiten Kund*innen ihre ausgewählten Geltungsdauern, erfolgt das automatische Upgrade, beispielsweise auf den Wochen- bzw. Monatspreis der gewählten Homezone.

So ermöglicht die Kombination aus Flexibilität und Preissicherheit ein maximal an die Bedürfnisse der Kund*innen angepasstes Angebot.

Homezone und eTarif: Ein ideales Gespann

Ein weiterer Komfortaspekt, der Nutzer*innen gleichzeitig eine gewisse Form der Sicherheit, auch außerhalb ihrer Homezone verschafft, sind Anschlussfahrten. Verlässt ein Fahrgast seine Homezone, kann durch das System automatisch eine Anschlussfahrt, z. B. im eTarif, gebucht werden. Per Push-Benachrichtigung erhält der Fahrgast die Information und kann im Falle von Fehlmeldungen entsprechend einschreiten.

Letztlich ist die Homezone nicht nur eine konsequente Weiterentwicklung des eTarifs, sondern kann perspektivisch zu einem vollumfassenden digitalen Portfolio weiterentwickelt werden. Das Besondere an digitalen Tarifen: Während die Auswahl des richtigen Angebots für die Kund*innen maximal einfach gestaltet werden kann, können im Hintergrund komplexe und differenzierte Algorithmen und Preislogiken hinterlegt werden. So erhält jeder Fahrgast ein individuell passendes und attraktives Angebot, ohne dass Verkehrsunternehmen und -verbünde wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen müssen.

Homezone als möglicher Baustein von Mobility as a Service (MaaS)

Die Gestaltungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Homezone sind für innovativ agierende Verkehrsunternehmen nahezu unerschöpflich. Neben der bereits erläuterten räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung sowie der Kombination von beiden, bestehen beispielsweise Möglichkeiten zur Integration von Mikromobilität, On-Demand- und Sharing-Angeboten. Auf diese Weise kann die Homezone ebenso zur Entwicklung eines multimodalen Angebots beitragen oder als Baustein für ein Mobility as a Service Konzept dienen.

Mit Bonus und Rabattsystemen echten Mehrwert schaffen

Weitere Anreize zur Mehrnutzung des öffentlichen Verkehrsangebotes können durch Bonus- und Rabattsysteme oder Ansätze wie „Kund*innen werben Kund*innen“ geschaffen werden. Auch Aspekte der Gamification, also dem Einbau spielerischer Elemente in die mit der Nutzung verbundenen Apps, können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten. Alle diese Ansätze lassen sich mit der Homezone leicht umsetzen und dienen nebenbei der Erschließung neuer Segmente an Kund*innen.

Mit eTarif und Homezone den Weg ins digitale Zeitalter ebnen   

Es zeigt sich, dass durch die Homezone ein attraktives Nahverkehrsangebot für Personen geschaffen werden kann, die zwar regelmäßig fahren, sich aber aus verschiedenen Gründen gegen konventionelle Zeitkarten entscheiden.

Als erster Einstieg in die Welt der digitalen Zeitkarten und der Homezone bieten sich Pilotphasen mit begrenzten Testgruppen an. Im Anschluss daran können, mit Hilfe einer langfristigen Migrationsstrategie die digitalen Angebote in den Regelbetrieb gehen und die analoge Tarifwelt kann in den nächsten Jahren vollständig in das digitale Zeitalter überführt werden.

Mit der mobilité Unternehmensberatung haben Sie hierfür Expert*innen an Ihrer Seite, um gemeinsam neue, wegweisende Tarifprodukte zu gestalten und zu erproben.

17. November 2021